über die Drehtür des Lebens

Immer wenn jemand stirbt oder geboren wird ist das ein Übergang von Existenz mit Körper in Existenz ohne Körper, und umgekehrt.
In unserer alltäglichen Wahrnehmung sind die beiden Zustände komplett voneinander getrennt, so sehr dass viele meinen es gäbe keine Existenz ohne Körper. Dem ist nicht so, obwohl in unserem Leben nicht viel darauf hinzuweisen scheint. Und die wenigen Situationen in denen solche Hinweise aufdringlich werden, die haben wir fast tabuisiert. Dabei ist sind doch Kommen & Gehen die natürlichen Eckpfeiler unseres Lebens. Und es wäre schön Neuankömmlinge im Kreis der Familie zu begrüßen, und Abreisende im Kreis der Familie bis zur Tür zu begleiten.

Stattdessen finden Geburt und Sterben heimlich statt, künstlich entfernt aus dem täglichen Leben und dem Kreis der Familie. Wir haben dafür Situationen der Isolation erschaffen, wie den Kreissaal beim Kommen und Altersheim/Hospiz beim Gehen. Dadurch werden wir in der Regel von Fremden begrüßt und oft von Fremden verabschiedet. Ich finde das nicht ideal. Denn die besten Möglichkeiten etwas von den anderen Seite der Drehtür mitzubekommen ist meine Anwesenheit wenn jemand kommt und wenn jemand geht. Ich kann dann durch den Türschlitz schauen und Kleinsthinweise von der anderen Seite aufschappen. Das ist freiwillig, ich muss es möchten. Nicht nur da sein wenn es soweit ist, sondern gern da sein braucht es, um die Großartigkeit des Moments würdigen zu können. Sonst bleibe ich unberührt oder gar verschreckt.

Diese Abläufe haben wir erschaffen. Und wir können sie auch wieder abschaffen, oder so umgestalten dass die wichtigsten Momente im Leben - Geburt und Tod - wieder zum täglichen Lebens dazu gehören. Werdende Mütter haben da einen Vorteil, ihre Anwesenheit bei der Geburt ist unumgänglich. Vielleicht haben sie deswegen die Nase vorn wenn es um Intuition geht, weil sie erlebt haben dass es eine andere Seite geben muss.

Wir anderen sind auf ein Nahtoderlebnis (NTE) angewiesen, oder auf die Vorstufe davon, eine außerkörperliche Erfahrung (AKE). Sonst bleibt die andere Seite der Drehtür eine theoretische Spekulation. Meine Meinung dazu ist dann auf erworbenen Glauben und anerzogene Überzeugungen angewiesen. Das ist Wissen aus zweiter oder dritter Hand, keine direkte eigene Erfahrung, Spekulation eben. Zuverlässigere Informationsquellen sind Menschen die von eigenen Erlebnissen dieser Art berichten können, die an und in der Drehtür waren und manchmal sogar eine Weile auf der anderen Seite. Auch sie berichten im Rahmen ihres Glaubens und ihrer Überzeugungen, doch es ist von direkter Erfahrung gespeist statt Hörensagen.


In meinem 23. Lebensjahr (1980) musste ein Bruch des Mittelhandknochen des rechten vierten Fingers operiert werden. Die geplante örtliche Narkose verrutschte, eine Vollnarkose wurde zusätzlich fällig. Als nächstes "wachte" ich auf, schwebte wie ein mit Helium gefüllter Luftballon in der oberen linken Ecke des OP-Saales und schaute auf eine Gruppe von medizinischem Personal. Sie umstanden meinen Körper und richteten den Bruch. Meine Hand wurde mit gespreizten Fingern auf eine Art Brett gespannt. Ich spürte nichts davon, kein Schmerz, keine Gefühle, keine Gedanken, keinerlei Verbindung zu meinen Körper. Ich schaute lediglich unbeteiligt zu. Mein Körper war mir so fremd oder so bekannt wie die vier Menschen, die ihn umstanden und denen ich nie zuvor begegnet war.

Aber ich konnte die Decke fühlen, die mich davon abhielt weiter aufzusteigen. Ich konnte den Luftzug hören, und spüren wie er mich in Richtung des Luft-Auslasses der Klimaamlage sog, in der linken oberen Ecke des Raumes. Ich hörte genau was die Menschen sagten, kann mich aber nicht an die Worte erinnern. Plötzlich gab es einen Ruck und alles wurde schwarz.

Als ich aus der Narkose aufwachte stand ein Mann in weißer Krankhausbekleidung neben meinem Bett. Er trat heran und ich sagte: "Sie sind doch der Arzt, der mich operiert hat." Es war eine Feststellung meinerseits weil ich ihn von der Decke aus zu gesehen hatte. Ich erkannte ihn zweifelsfrei obwohl er nie aufgeblickt und eine OP-Maske getragen hatte. "Ja," erwiderte er, "aber woher weißt du das? Du hast mich nie zuvor gesehen."

Ich murmelte ein paar nichts sagende Worte und er ging, zufrieden sich davon überzeugt zu haben dass mit mir alles in Ordnung war. Etwas musste ihn alarmiert haben, eine knappe Sache, etwas das ihn veranlasste zu bleiben bis ich wieder das Bewusstsein erlangt hatte.

Es traf mich völlig unvorbereitet. Dass ich meinen Körper von außen gesehen hatte, wie eine andere Person, das hätte ich noch als Traum erklären können. Aber dass ich den mir fremden Arzt wiedererkannte, das war nicht mehr rational erklärbar. So was ist doch unmöglich, oder? Jedenfalls war es bis zu diesem Moment meine feste Überzeugung gewesen dass so was unmöglich ist. Und doch war es passiert. Mein Verständnis vom Lebens war umgekrempelt. Es gab mehr als mir erzählt worden war. Und dieses "mehr" ist mysteriös.

Meine Erst-Strategie um mit dem Erlebten fertig zu werden war ignorieren. Ich wollte und konnte es nicht verdrängen oder vergessen, aber ich wollte so weiterleben als wäre nicht besonderes passiert. Das hat nur verzögernd funktioniert, mein Leben wurde trotzdem anders - grundsätzlich und sofort. Eine neue Melodie trifft es ziemlich gut. Und gespielt habe ich sie selber, trotz ernsthaftem Versuch es nicht zu tun. Hätte ich mein Erlebnis begrüßen können, wäre die Melodie mit Sicherheit eine andere geworden.
Wie bei den meisten Menschen mit NTE oder AKE hatte ich keine Angst mehr vor der anderen Seite. Ich hatte die Drehtür nutzen und einen gründlichen Blick auf die anders Seite tun dürfen - und nichts Schreckliches gesehen. Ganz im Gegenteil, ich hätte nichts dagegen gehabt auf der anderen Seite zu bleiben. Und ich hatte auch nichts dagegen wieder herzukommen - es war mir gleich gültig gewesen. Warum ich wieder hier bin? Ich weiß es nicht. Es geschah eben so. Ein paar Jahre später wurde ich dann doch noch vor die Wahl gestellt, völlig überraschend und ohne Zeit zum Überlegen auf einer Landstraße in Mexico. Ich habe sie spontan beantwortet.


Als Beifahrer eines 7,5 Tonners war ich eingenickt und wachte auf weil uns zwei riesige Schweinwerfer direkt entgegenkamen. Ich riss die Augen auf, verstand sofort worum es ging und schrie mit aller Entschlossenheit und Kraft mein Antwort: "NEIN!" Vermutlich deswegen riss die Fahrerin den Lenker in ein Ausweichmaneuver zum Seitenstreifen hin herum, und statt Frontalzusammenstoß hat uns der vollbeladen Sattelschleppzug lediglich gestreift, umgeworfen und die linke Fahrzeugseite wie eine Sardinenbüchse aufgeschlitzt.


Das Leben ist nun mal parteiisch, und obwohl es freiwillig ist, muss ich Farbe bekennen, Partei ergreifen, mich für mein Leben entscheiden oder dagegen. Es ist die berühmte Dualität auf dieser Seite der Drehtür. Auch wenn ich auf die andere Seite schauen und dort den Zustand ohne Dualität einen Moment lang genießen durfte, und obwohl die eingravierte Erinnerung daran mein Leben auf dieser Seite ganz neu einfärbt, bin ich nicht davon befreit immer wieder neu Partei zu ergreifen - für mein sich weiter entfaltendes Leben oder dagegen. Wie fast alle die auf die andere Seite schnuppern durften, fällt es mir unsäglich viel leichter mich immer wieder für das unendliche Geheimnis des Lebens im allgemeinen und die unendlichen Möglichkeiten meines Leben im besonderen zu entscheiden:

der schöpferischen Quelle dankend und zum Wohle aller


Wenn es um Entwicklung geht Das Leben fuhr und fährt immer weiter damit fort mich in Erlebnisse zu führen, die mich bestärken das auf der anderen Seite der Drehtür Erlebte nicht mehr ignorieren zu wollen, auch wenn es mysteriös ist, selbst wenn ich es mir und anderen nicht erklären kann. Die Kette dieser mysteriösen Erlebnisse unterstützt mich dabei das Unerklärliche in der für mich möglichen Geschwindigkeit und im mir möglichem Ausmaß schrittweise in mein Leben einzubauen, das Mysteriöse alltäglich werden zu lassen. Ich nenne diese Steilvorlagen

meine Drehtür Momente:


Wiesbaden, etwa 1981

Damals war meine Patentante ins Krankenhaus eingeliefert worden und es war klar, dass sie es nicht lebend verlassen würde. Sie konnte bereits nicht mehr sprechen, also würde ich nicht mit ihr reden können. Ich wollte ihr irgendwie zeigen wie viel sie mir bedeutet, und dass es nicht bloß ein aus Pflichtbewusstsein geborener höflicher Abschiedsbesuch ist.

Ich weiß nicht mehr wie diese Idee in meinen Kopf kam, auf jeden Fall war sie genial. Ich lieh mir die beiden kleinen Kinder meiner Schwester aus. Meine Nichte konnte nocht nicht laufen und mein Neffe war vielleicht vier. Jane krabbelte strahlend übers Bett und Felix setze sich ohne Berührungsängste und unbekümmert auf die Bettkante. Die beiden verbreiteten Lebendigkeit und ein Licht, das wie die aufgehende Sonne das Gesicht meiner Tante erhellte und ihre zuvor matten Augen erstrahlen ließ. Als sie mich dankbar anschaute, blickte ich auf eines der berührendsten Lächeln, die ich in meinem Leben gesehen habe. Wir grinsten einander kurz wortlos und verschwörerisch an. Dann wendete sie ihre Aufmerksamkeit wieder den Kindern zu und genoß jeden Augenblick.

Oaxaca, etwa 1982

Ich war bei ein Familie indigener Indianer einquartiert. Die beiden älteren Söhne hatten mich früh Morgens gezielt auf eine Grashüpfer Jagd mitgenommen, und als wir wiederkamen hatte die Frau des ältesten Sohnes ein Kind geboren. Es starb ein paar Tage später. Auf der Trauerfeier saßen wir alle um einen Tisch im Freien. Juvenal, Familienoberhaupt und Großvater des verstorbenen Säuglings, und seine Frau saßen nebeneinander und trauerten gemeinsam.

Tränen flossen, Ereignisse wurden erzählt in der indigenen Sprache die ich nicht verstand, und ich saß mit allen Sinnen beobachtend dabei als Sprachfremder und doch irgenwie Teil der Familie. Irgendwann sagte Junvenal etwas zu seiner Frau und schubste sie dabei sanft und irgendwie auffordernd in die Rippen. Es musste etwas Lustiges gewesen sein, denn sie musst kurz kichern während ihr noch die Tränen herunter liefen. Ich habe keine Ahnung was er gesagt hat, aber innerhalb eines Augenblicks schwang die Stimmung vollständig um, bei uns allen. Aus Tränen tiefer Trauer waren Tränen der Freude geworden, und es hat sowas von gepasst.

Wiesbaden, 1983

Die Nachricht vom Tod meiner Mutter ereilte mich in Californien. So schnell ich konnte flog ich zurück und kam gerade noch rechtzeitig Zuhause an, um dabei zu helfen die vom Friedhof kommenden engsten Freunde und Verwandten mit Kaffee und Kuchen zu bewirten. Im Gegensatz zu den Trauergästen hatte ich bezüglich meiner Mutter ein Gefühl das ich nur mit dem Wort Triumph beschreiben kann. Sie war jetzt auf der anderen Seite der Drehtür und genoß das in vollem Umfang, wovon ich lediglich eine Kostprobe bekommen hatte.

Ich behielt meine Gefühle so gut es ging für mich, doch echte Freude lässt sich genaus so wenig verbergen wie echte Trauer. Meine Augen müssen geleuchtet haben und ich kassierte manch verwunderten Blick während sich die Versammlung langsam aufhellte. Ich färbte ab, ähnlich wie Juvenal in Mexico auf seine trauernde Familie abgefärbt hatte, doch ohne Worte und nur ganz allmählich. Es war eben Deutschland und nicht Mexico wo der Tag der Toten jedes Jahr rauschend gefeiert wird. (mehr Info auf wikipedia: Día de los Muertosexterner link)

Calcutta, etwa 1985

Zusammen mit anderen Devotees besuchte ich in Calcutta meinen Guru. Wir waren im gegenüberliegenden Gebäude, so nah an seinem Aufenthaltsraum wie es möglich war, und sangen ein Mantra. Wir waren etwa 10 Personen. Das ging mindestens eine Stunde so, bis einer der Anwesenden anfing sich einer Trance zu nähern. Ich hörte es an seiner Stimme und sah es in seinen Bewegungen. Die anderen rückten ein wenig von ihm ab und wenig später fiel er um. Ich setze mich im Schneidersitz zu ihm und nahm seinen Kopf in den Schoß. Er atmetet nicht mehr und nach meiner Wahrnehmung hatte sein Herzschlag ausgesetzt.

Während die anderen verschreckt einen Mindestabstand wahrten, fingen bei mir Tränen der Freude an zu fließen. Guhan, so sein Name, war in eine spirituelles Koma gefallen, etwas von dem ich bisher nur gehört hatte. (mehr Info auf wikipedia: Samadhiexterner link) Das eine ist die Theorie, das andere wenn es dann passiert, selbst wenn ich nur als Zeuge dabei war. Ich fühlte mich unglaublich hingezogen zu Guhan, oder besser zu der Schwingung die ihn in seinem jetztigen Zustand umgab, die vorher nicht dagewesen war. Nach 20 bis 30 Minuten begann er sich zu regen, die einer Leiche ähnelnde Starre fiel ganz langsam von ihm ab. Es lässt sich am ehesten mit einem Kücken vergleichen dass sich aus dem Ei und der darin vorgegebenen embryonalen Haltung erstmals heraus arbeitet.

Wir haben kein einziges Wort gewechselt. Das war auch nicht nötig. Ich habe ihn danach nur noch einmal wiedergesehen. Die entstandene Verbundenheit ist nicht anfällig für Zeit, Ort oder Wort.

Ananda Nagar (bei Ranchi), etwa 1989

Mittlerweile was ich Yogamissionar geworden und es stand die nächste Initationsstufe an, in unserem ländlichen Ashram in Westbengal. Es war Sommer und trocken heiß, sehr heiß. Zum Ashram gehörte ein (sehr) kleiner Stausee, in dem wir uns ab und zu abkühlten konnten.

Als ich zum Stausee kam lag einer von uns auf der Erde. Sie hatten ihr gerade aus dem Wasser gezogen und er rührte sich nicht. Mindesten 10 Personen umstanden ihr und jemand versuchte unbeholfen ihn wiederzubeleben. Ich hatte innerlich keine Hoffnung dass es zurück kommen würde. Trotzdem übernahm ich entschlossen die Wiederbelebungsmaßnahmen. Nachdem ich mich davon überzeugt hatte dass sein Mundraum leer war bog ich seinen Kopf zurück, 3x Mund-Nase-Beatmung, dann kräftige Herzmassage, wieder und immer wieder, bis leicht blutiger Schaum austrat. Es war nichts zu machen.

Von Anfang war ein entspanntes Lächeln auf seinem Gesicht gewesen, dem weder die Beatmung noch die Herzmassage etwas antun konnten. Er sah glücklich aus, sein Gesicht leuchtete. Wir haben ihn noch am selben Tag verbrannt.

Calcutta, 1990

Mein Guru war gestorben und ich reiste an zu den Trauerfeierlichkeiten und Verbrennung seines Körpes. Einige tausend Menschen waren anwesend, und sehr viele Vögel. Wir umgaben den aufgebahrten Leichnam kreisförmig. Die Vögel saßen am Rand des Kreises, aufgereiht auf den umgebenden Gebäuden, Mauern, Stromleitungen und Bäumen. Die Verbrennung dauerte bestimmt eine halbe Stunde. Gegen Ende erhoben sich alle Vögel zusammen, die ganzen verschiedenen Arten zusammen in einem großen Schwarm. Sie umflogen die Rauchsäule immer wieder wie ein langsam aufsteigender Wirbel, wobei sie murmelten wie gemeinsam Betende in einer Kirche.

Ho-Chi-Minh City, etwa 1995

Zu der Zeit war ich vielleicht 37 Jahre alt und arbeitete als Yogalehrer in Vietnam. Ein Mitglied unserer Organisation lag im Sterben und ließ mich rufen. Zu dritt gingen wir hin. Der Mann lag auf einem Bett im Erdgeschoss des Hauses, während seine vielköpfige Familie und Verwandtschaft herumwuselte und die bevorstehenden Zeremonien vorbereitete. Ich bemerkte wie sie alle eine leichten Bogen um die Liegestatt des sterbenden Mannes machten, sich aus Ratlosigkeit und Furcht mit allem Verfügbaren ablenkten um sich nicht seinem Übergang stellen zu müssen.

Wir setzten uns um ihn herum. Er war nicht bei vollem Bewusstsein aber erkannte uns. Er wollte unbedingt noch etwas loswerden, mit schwer verständlichen Worten. Obwohl auf die Übersetzung meiner beiden Begleiter angewiesen verstand ich schnell, dass es hier nicht mehr um Worte ging. Also fingen wir an zu singen, ein Mantra in Melodien die er gut kannte und womit er selber schon oft versucht hatte sich der schöpferischen Quelle des Universums zu nähern. Er entspannte sich zusehens. Der Drang zu reden, etwas loszuwerden, verschwand vollständig und er fing an lächend und lautlos mitzusingen. Seine Lippen formten die Worte, während er seine Augen friedlich geschlossen hielt.

Ich weiß nicht mehr wie lange wir so da saßen und sangen, während das geschäftige Treiben um uns herum unbeteiligt weiterging als wären wir nicht da. Eine Art Blase hatte sich um uns gebildet, in der Geräusche von außen nur noch gedämpft ankamen. Tiefer Frieden senkte sich wie ein Wolke über uns, und nach 30min oder vielleicht auch einer Stunde atmete Sahadeva zum letzten Mal aus, mit dem Namen seines Schöpfer auf den Lippen. Kaum zurück in der Unterkunft gebar die kleine Hündin der Hausherrin in wenigen Minuten 5 oder 6 Junge, während wir zu viert mit den beiden Kindern auf dem Boden um sie herum saßen und die Neugeborenen freudig begrüßten. Auch hier herrschte der gleiche tiefe Frieden. Kommen und Gehen.

Halberstadt, 2008

Das Lebensende der Mutter meines Lebenspartnerin stand vor der Tür. Sie war bereits ein paar Tage im Hospiz und die nächsten Verwandten wurden zusammengerufen. Ihre Augen waren die ganze Zeit geschlossen. Sie war nicht mehr bei Bewusstsein, hielt aber beharrlich am Leben fest bis der/die letze Enkel/in wenigsten den Kopf zur Tür herein gesteckt hatte. Dann begann sie loszulassen. Wir saßen zu dritt uns sie herum auf der Bettkante, meine Lebenspartnerin, ihr Schwager und ich. Ihr Atem wurde schwerer und es kam zu immer längeren Atem-Aussetzern mit plötzlicher schnappender Einatmung. Es war schwierig den sich schleichend einstellende Atemstillstand auszuhalten ohne sich zu gruseln, und zumindest der Schwager meiner Partnerin hätte gern Zimmer verlassen.

Energisch ergriff ich jeweils eine Hand von jedem und legte sie einschließlich meiner auf die Hände der Sterbenden, die auf der Brust zusammengefaltet waren. So blieben wir sitzen und begleiteten ruhig und gefasst die Sterbende zur Drehtür. Zwischen uns ist dabei diese tiefe Verbundenheit entstanden, die nicht anfällig für Zeit, Ort oder Wort ist.

Oranienburg, 2017

Die Schwester der Mutter meiner Partnerin war im Begriff zu gehen. Meine Partnerin hatte ihre Tante energisch zweifach vor einer sinnlosen Chemo bewahrt, und aus dem KKH zurück ins betreute Wohnenheim mit palliative Pflege geholt. Jetzt war es so weit. Auch hier bahnte sich ein schleichender Atemstillstand an, die Lungen hatten immer wieder abgesaugt werden müssen, sie war bereits mehrere Tage nicht mehr bei Bewusstsein. Auch sie hielt am Leben fest. Anders als ihre Schwester die losließ nachdem der/die letze Enkel/in den Kopf zur Tür herein gesteckt hatte, hielt sie weiter fest.

Ich setzt mich neben das Bett, nahm ihre Hände in meine und begann im gleichen Rhythmus mit ihr zu atmen. Gefühlt war es wieder diese zeitlose halbe Stunde, plus minus. Ich stellt mir vor wie wir zusammen zur Drehtür gingen und zusammen durchschauten auf die andere Seite. Dabei versuchte ich so gut wie ich es kann, das Gefühl zu erinnern als es mir egal war ob ich wieder zurück komme oder auf der anderen Seite der Drehtür bleibe. Irgendwann merkte ich wie sie sich entspannte. Ihr rasselnder Atem rasselte nicht weniger wie vorher, aber anders, friedlicher. Es war anstrengend gewesen und ich legte mich auf das im Zimmer befindliche Sofa, auf dem ich alsbald einschlief.

Ich wurde wach weil eine Betreuerin hereingekommen war. Sie und meine Parnerin hießen mich mit halb tadelnd, halb grinsend geschüttelten Köpfen zuhause weiter zu schnarchen, was ich dann auch tat. Vielleicht 2 Std. später kam der Anruf meiner Partnerin. Ihre Tante war gegangen.


coming out - (m)eine Einladung

Mich damals, 1980, zu meinem Erlebnis zu bekennen war ähnlich anspruchsvoll wie heute (s)eine von der gesellschaftlichen Norm abweichende Sexualität zu beichten. Ich hab's mich einfach nicht getraut. Dabei ging es erst einmal gar nicht so sehr darum, mich im privaten und öffentlichen Kreis dazu zu bekennen. Viel wichtiger war, mir selbst das Erlebnis zu gestatten, es mir samt seiner Wirkungen einzugestehen, ehrlich zu mir selbst zu sein, zu mir und meiner Wahrnehmung zu stehen.

Nur so kann und konnte ich das Erlebte ohne Selbst- oder Fremdzensur in meinem täglichen Leben zu- und es dann hineinlassen. Irgendwann habe ich es sogar willkommen geheißen, und zu guter Letzt den ihm gebührenden Platz eingeräumt. Damit bin ich immer noch beschäftigt.
Schon 3 Monate danach, wenn mich jemand gefragt hätte Was war das wichtigste Ereignis in deinem Leben? und ich ehrlich hätte antworten können, dann hätte ich mit allen meine 10 Fingern und den 10 Zehen an meinen Füßen auf mein OP-Erlebnis zeigen müssen. So krass waren da schon die Auswirkungen geworden. Ich war nicht mehr derselbe, egal wie routiniert ich den Schein aufrecht erhielt. Auch heute noch, über 40 Jahre danach habe ich Schwierigkeiten zu dem göttlichen Funken zu stehen, der auf der anderen Seite der Drehtür mindestens so sehr den ersten Eindruck bestimmt, wie hier meine Kleidung und Frisur. Darf er durch scheinen?

Deswegen ist es mir ein Anliegen, falls auch ihnen etwas Vergleichbares geschehen ist und sie es möchten, ihr coming out zu unterstützen, den nächsten kleinen oder großen Schritt zu begünstigen, so wie er in ihr bestehendes Leben passt. Die für mich wertvollste Unterstützung habe ich von anderen Menschen bekommen die Vergleichbares erlebt haben, und die den Mut oder die Gelassenheit hatten davon zu erzählen, persönlich, schriftlich oder als Podcast. Das hat mir so sehr dabei geholfen mich wieder als "auch normal" zu begreifen, trotz nicht normalen Erlebnissen und daraus resultierender nicht normaler Wahrnehmung. Es hat mich wieder auf die Erde gebracht wenn es mir in die Nase regnete. Und wenn ich mit Stelzen unter'm Teppich laufen konnte, dann hat es mich mich wieder aufgerichtet. Herzlichen Dank dafür.

Was mir auch geholfen hat, war das Erlebte und seine Auswirkungen niederzuschreiben, zunächst nur für mich, und es dann nach einiger Zeit für andere verfügbar zu machen. Diese homepage ist überall davon durchtränkt, relativ unauffällig, aber bei genauerem Hinsehen unübersehbar. Falls sie also der schöpferischen Quelle dankend und zum Wohle aller ihr(e) Erlebnisse für andere verfügbar machen möchten, anonym oder mit Kontaktmöglichkeit, dann können sie mir gerne der Text ggf. mit Bilder(n) zuschicken und sie bekommen auf gesund-im-net ein eigenes kleines Schaufenster. Und wenn es für sie passt kann ein Video Podcast dazu kommen.