Zu Ehren der schöpferischen Quelle und zum Wohle aller



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Ich bin in Teotitlan del Valle, einem kleinen zapothekischem Indianerdorf in Oaxaca, Mexico, zu Gast bei Juvenal und seiner vielköpfigen Familie auf ihrem ummauerten Grundstück mit der Zwei-Raum-Lehmhütte und dem offenen Verschlag für die beiden Webstühle, mit denen sie den Großteil ihres Lebensunterhaltes verdienen. Dort stehen auch die zwei Holzpritschen auf denen die beiden Söhne und ich schlafen. Wetter und Ambiente passen mehr zu einem klassischen Western als in die Gegenwart städtischen Lebens der 1980iger Jahre.

Die Hühner sitzen noch verschlafen auf dem Fußende des Bettrahmens, und ich bin gerade dabei genüßlich die Flöhe umzubringen, die jede Nacht aus dem Gefieder der Hühner in meinen Leinenschlafsack einwandern und meine Nachtruhe empfindlich stören. Pepe und sein älterer Bruder schauen mir bei meinem frühen Morgenritual irritiert zu. Sie hätten gern noch ein wenig geschlafen, haben das Problem nicht, das mich beim ersten Sonnenstrahl aus meinem Schlafsack treibt. Die Flöhe bevorzugen mich.

In der Lehmhütte in der Juvenal, seine Frau und die beiden Töchter schlafen, rührt sich noch nichts. Wir drei Jungs machen unseren morgendlichen Spatengang ins Umland des Dorfes, und als wir zurück kommen haben die Damen ihre Morgentoilette hinter dem Sichtschutz innerhalb der Mauern verrichtet. Gebadet wird Samstags, die Damen hinter dem Sichtschutz mittels in Eimern herbeigeschleppten Wassers, wir Kerle neben dem Dorfbrunnen.

Etwas später rüttelt es an der Eingangstür zum Grundstück. Es ist der Trunkenbold des Dorfes, dem Juvenal bereits gestern ein paar Münzen gegeben hat. Er will mehr. Sie palavern eine ganze Zeit lang vor der Tür herum, der Trunkenbold eher randalierend, Juvenal beschwichtigend, mit Engelsgeduld. Irgendwann kommt er wieder herein. Er hat ihm wieder ein paar Münzen gegeben, und ich frage ihn verständnislos warum er das tut. Der Trunkenbold würde nur mehr trinken und noch immer wieder kommen, es würde niemand helfen.

Juvenal schaut mich mit leicht gequälten Gesichtsausdruck an, als würde ich ihm irgendwie weh tun, und fast entsetzt fragend sagt er: Aber er könnte sich doch heute ändern!? Ich merke verwundert dass er nicht versteht wie in aller Welt ich zu so einer Sicht der Dinge kommen kann, und dass ihn meine Sicht schmerzt. Ich tue ihm leid. Er rätselt was ich wohl erlebt haben muss, um so zu denken und zu fühlen. Seine Reaktion ist so archaisch unverfälscht, dass ich meine Auffassung von Menschlichkeit nicht aufrecht erhalten kann.

Es ist das erste Mal, dass ich erlebe was ich in manchen Büchern über Indigene gelesen aber bisher nicht geglaubt habe, dass sie anders sind, dass in ihnen Gefühle und Gedanken herrschen können, die wir verloren haben. Ich bin erschüttert von dieser innerlichen Größe, von der unscheinbaren Festigkeit die von außen nicht zu erahnenden ist, und lasse sie auf mich abfärben. Es hält bis heute an.

Was bei mir 65 Jahre gebraucht hat, den Mut zu entwickeln es zu sagen, es auf meiner Webseite zu schreiben, das ist für Juvenal so selbstverständlich wie "guten Tag" sagen. Es ist bedingungslos, es ist zum Wohle aller und zu Ehren der schöpferischen Quelle.
Ich spreche nicht laut,

ich spreche zu den Ohren deiner Seele.

Erinnere dich an das was ich gesagt habe,

denn Morgen werde ich öffentlich verkünden

wovon ich heute Nacht spreche.
Rumi


Als Mensch bin ich voller Unvollkommenheiten, höflich ausgedrückt. Wenn die dann so offensichtlich werden wie oben, speziell wenn ich mir vorher etwas darauf eingebildet habe, im Beispiel auf den Grad meines Wohlwollens, dann muss ich wählen zwischen die Herausforderung annehmen und weg schauen. Weg schauen ermöglicht mir mein Selbstbild bequem und unverändert zu erhalten, bringt aber Verlustpunkte in meinem Gewissen mit sich. Um die Herausforderung annehmen zu können geht es zunächst darum meine in der Situation enthüllte Unvollkommenheit anzuerkennen.

Das gelingt mir in dem Ausmaß wie ich mich selber liebe, trotz meiner offensichtlichen Unvollkommenheit. Wenn sie mir peinlich ist muss ich sie verstecken, was ich verstecke kann ich nicht ändern. Es verhärtet mein Selbstbild dem die Wirklichkeit gerade eben widersprochen hat. Um es aufrecht erhalten zu können, mein verhärtetes nicht der Wirklichkeit entsprechendes Selbstbild, muss ich die Wirklichkeit uminterpretieren, jetzt und in Zukunft. Mein Selbstbild ist unrealistischer geworden als es schon war.

Wenn ich dagegen mein Selbstbild änderen kann, es an die erlebte Wirklichkeit anpassen, dann wird mein Selbstbild etwas realistischer als es schon war. Es ist zwar aufwendig und unbequem, aber ein Schritt in die richtige Richtung.
Die menschliche Form ist ein Gespenst aus Schmerz und Ablenkung,

manchmal reines Licht manchmal grausam,

das mit aller Macht versucht das Bild zu erweitern

das es von sich selbst so starr festhält.
Rumi


Starre oder Bewegungslosigkeit sind im kleinen unmöglich. Alles ist Schwingung, und Schwingung ist Bewegung. Das was wir als Tod bezeichnen, die Abwesenheit von offensichtlicher Bewegung im Körper eines Lebewesens, führt zur Auflösung (Zersetzung) dieses Körpers. Auflösung ist aber auch Bewegung, nur weniger geordnet. Das Ordnung gebende Element hat den Körper verlassen. Was jetzt fehlt nennen wir eine Seele, zumindest beim Menschen.

(Fortsetzung folgt)

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